Erhard Schütz
Hans Joachim Schädlich bei Brechts
05.05.2015 09:19:13

Am Mittwoch, dem 6. Mai, werde ich eine Lesung von Hans Joachim Schädlich im Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestr. 125, um 20 Uhr moderieren.

Hans Joachim Schädlich, Jg. 1935, „der große Lakoniker unter den deutschen Gegenwartsautoren" (Die Zeit), schreibt keine voluminösen Bücher. Dafür aber solche, die es umso mehr in sich haben. Seit dem kanonischen Tallhover (1986) stellen sie immer wieder neu die Frage nach Kunst und Macht. 2012 höchst erfolgreich mit Sire, ich eile, über das Verhältnis von Friedrich dem Großen und Voltaire, wendet sich Schädlich in Narrenleben neuerlich historischen Gestalten zu. An den konträren Schicksalen zweier, eigentlich dreier Spaßmacher lebt nicht nur aus besonderer Perspektive das 18. Jahrhundert auf, sondern werden die überzeitlichen Aspekte von Abhängigkeit und Selbstachtung ausgeleuchtet.

Und im Magazin war zu lesen:

Bei vielen Historischen Romanen soll pausbäckige Sprache verlebendigen, künstelt aber nur und macht dicke Pressfleischschinken daraus. Hans Joachim Schädlichs Narrenleben hingegen ist schlank im Umfang und sprachlich speckfrei, hat ein feines Gespür für Rhythmus und Takt und dazu tief gegründetes Wissen. Er führt in die Zeit von August dem Starken, Friedrich dem Großen und Maria Theresia, mitten hinein in Umbrüche und Ungewißheiten, Konflikte und Kriege. Er führt das durch drei Narrenleben und viele weitere Figuren vor. Joseph Fröhlich ist Tiroler, gelernter Müller, aber auch Jahrmarktstrickser, kommt in die Gunst hoher Herren, darf schließlich als Lustiger Rat August den Starken duzen und wird unter dessen Sohn Mühleninspekteur. Zwar Hofnarr ist er kein Narr. Närrisch ist Gundling, der Akademievorsteher, mit dem Friedrich der II. und seine Entourage ihren bösen Spott treiben. Fröhlich: „Ein Narr wider Willen ist kein Narr, sondern ein Idiot." Seine Arbeit ist eine Kombination aus derbem Schabernack, pfiffiger Pöbelei, Taschenspielerkunst und dem, was man heute Personal Coaching nennt. Er hält den Herren Paroli. Das ist schwer genug, wenn die Kinder wegsterben und die erste Frau, wenn preußischer Einmarsch und die Ausplünderung Sachsens ins Spiel kommen. 17 Jahre nach seinem Tod erhält seine Witwe Aufzeichnungen eines anderen Narren aus Tirol: Umgetrieben, findet Peter Prosch keinen Ort und nicht zu sich. Er ist Öl- und Medizinhändler, Handschuhverkäufer und lustige Person an verschiedensten Höfen. Anfangs gehätschelt, dann fallengelassen. Immer wieder. Übel sind die Späße, die man mit ihm treibt. In erfahrener Balance von Wissen und Weisheit entwirft Schädlich auf engem Raum ein weites historisches Panorama – und lehrt uns darin die Menschen kennen.




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